Ist Gott noch zu retten?

Woran wir glauben können


Das neue Buch von Matthias Stiehler, Frühjahr 2016.




Das Prinzip "Stalinismus"

Wenn von "Stalinismus" gesprochen wird, lässt sich dies auf eine Epoche der Sowjetunion beziehen, in der Stalin der Machthaber war und eine Schreckensherrschaft führte. Doch das wäre eine zu einfache Sichtweise. Die Praxis des Stalinismus ist längst nicht nur mit der Person Stalins verbunden. Sie begann bereits unter Lenin und dauerte noch lange nach Stalins Tod an. Und sie war und ist nicht nur auf die Sowjetunion beschränkt. Heute finden wir beispielsweise in Nordkorea oder Venezuela Formen dessen, was Stalinismus ausmacht.

Stalinismus ist weder ein Einzelfall noch eine zufällige Erscheinung. Stalinismus ist ein Prinzip.

Dieses Prinzip nimmt seinen Ausgangspunkt in der Überzeugung, den richtigen Weg zum Wohl der Menschen erkannt zu haben. Und das ist im Grundsatz auch verständlich. Es geht der kommunistischen Weltanschauung, die dem Stalinismus zugrunde liegt, um soziale Gerechtigkeit, es geht um ein Ende der Ausbeutung und einer Benachteiligung, die ihren Ursprung in ungleichen Voraussetzungen der Menschen hat. Heutzutage legt die Geburt eines Menschen dessen Lebenslauf zwar nicht völlig fest, aber erhöht oder mindert dessen Lebenschancen erheblich. In der heutigen Zeit sind die globalen Unterschiede besonders groß.

Der entscheidende Fehler der kommunistischen Ideologie ist jedoch, dass daran geglaubt wird, das Ziel einer gerechten Welt ließe sich wirklich erreichen. Und so verstehbar diese Sehnsucht ist, so irreal ist sie. Alle, wirklich alle Versuche, eine gerechte Gesellschaft zu etablieren, sind gescheitert. Bestenfalls gibt es unter den ungerechten Gesellschaften einige, die nicht ganz so ungerecht sind. Aber auch deren Balance gerät immer wieder aus dem Gleichgewicht.

Stalinismus beginnt da, wo Menschen glauben, das Glück erzwingen zu können, wo die Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft mit aller Macht durchgesetzt werden soll. Und genau das haben alle sogenannten "sozialistischen Gesellschaften" versucht. Ihre Tragik ist, dass sie nicht wirklich lebensfähig waren und in aller Regel ein noch ungerechteres System etablierten. Das Prinzip des Stalinismus besteht darin, die Wahrheit, dass es keine gerechte Welt gibt und geben wird, nicht zu akzeptieren. Es wird unrealistischen Idealen nachgehangen und damit das real Mögliche verhindert.

Auch in unserer heutigen Gesellschaft sind stalinistische Tendenzen zu beobachten. Sie tauchen überall dort auf, wo in voller Überzeugung, das Richtige für das Wohl der Menschen zu tun, Reglementierungen durchgesetzt werden und die eigenen Anschauungen in Intoleranz bis hin zum Hass münden. Der demokratische Grundkonsens wird aufgekündigt, es wird versucht, sich mit Macht gegen andere durchzusetzen. All das geschieht in der Überzeugung, das Gute zu wollen und damit auf der richtigen Seite zu stehen. Die gute Absicht legitimiert nicht nur das eigene Tun, sie scheint regelrecht zu fordern, gegen die anderen vorzugehen.

Wir, die wir in der DDR aufgewachsen sind, kennen diese Argumentation allzu gut. Sie wurde als "Diktatur des Proletariats" bezeichnet. Doch wir haben an uns selbst erfahren, dass solch eine Haltung nicht nur ihr Ziel verfehlt, sondern dass damit die eigenen humanistischen Ideale verraten werden.

Der einzige Weg, das "stalinistische Prinzip" auch schon in sich selbst abzuwehren, besteht in einer Akzeptanz der eigenen wie der gesellschaftlichen Begrenzung. Das mag weh tun, weil sich die Ideale und Sehnsüchte nicht erfüllen. Aber es ist der einzige Weg der Humanität.


Das Buch »Ist Gott noch zu retten?« beschreibt diesen Weg.