Ist Gott noch zu retten?

Woran wir glauben können


Das neue Buch von Matthias Stiehler, Frühjahr 2016.




Gesundheit als Sehnsucht

Gesundheit ist einer der wenigen Werte, die in unserer pluralistischen Gesellschaft von den meisten, wenn nicht gar von allen Menschen geteilt werden. Dabei ist gar nicht so eindeutig, was mit Gesundheit gemeint ist.

Da gibt es das sogenannte "funktionale" Gesundheitsverständnis. Bekannt ist der Ausspruch des Franzosen Lerich: "Gesundheit ist Leben im Schweigen der Organe." Dieses Verständnis ist im sozialen Alltag weit verbreitet. Menschen sind krank, weil sie sich in ihrer Gesundheit so sehr beeinträchtigt fühlen, dass sie am normalen Leben nicht teilhaben können. Ärzte 'schreiben krank'. Es gibt hier eine mehr oder weniger klare Trennlinie zwischen "gesund" und "krank".

Daneben aber gibt es noch ein "absolutes" Gesundheitsverständnis. Die Definition der Weltgesundheitsorganisation, die Gesundheit als "vollständiges körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden" beschreibt, steht für diese Auffassung. "Absolut" ist diese Vorstellung deshalb, weil sie zum einen alle Lebensbereiche umfasst. Gesundheit wird nicht nur auf Körper und Seele, sondern ebenso auf soziale Beziehungen und gar auf die gesamte Gesellschaft bezogen. Zum zweiten aber geht es um einen vollkommenen Zustand.

Es ist schnell einzusehen, dass es diese Vollkommenheit in der Realität menschlichen Lebens nicht gibt. Irgendwie lässt sich jeder Mensch zwischen den beiden Polen "absolute Gesundheit" und "absolute Krankheit" (= Tod) verorten. Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky schreibt: "Wir sind alle sterblich. Ebenso sind wir alle, solange noch ein Hauch von Leben in uns ist, in einem gewissen Ausmaß gesund."

Dennoch besteht eine große Sehnsucht nach vollständiger Gesundheit und wir sind bei aller rationalen Vernunft kaum bereit, Abstriche von dieser Sehnsucht zu machen. Es scheint gerade bezogen auf Gesundheit schwer aushaltbar zu sein, unsere Unvollkommenheit zu akzeptieren. Gesundheit gewinnt in unserer Zeit, in der die religiösen Bindungskräfte nachlassen, eine quasi religiöse Bedeutung. Wenn keine Entschädigung für das irdische Leid im Jenseits erwartet werden kann, muss das Leid mit allen Mitteln bekämpft werden. Kein Wunder also, dass die Gesundheitskosten immer schneller steigen und jeder Versuch, diese zu begrenzen, schnell als unmenschlich bezeichnet wird. Kein Wunder, dass die Gurus der New Economy Visionen vollkommener Gesundheit entwickeln und sie mit ihrem Geld umsetzen wollen.

Das zentrale Problem ist jedoch, dass solche Vorhaben nicht gelingen können. Gesundheit im absoluten Sinn ist auch für die modernste Medizin nie erreichbar. Das bedeutet nicht, dass es keinen medizinischen Fortschritt mehr geben sollte. Aber es bedeutet, sich mit der Tatsache der eigenen Unvollkommenheit abzufinden und in dieser schmerzlichen Erkenntnis sein Leben zu gestalten - und das gerade auch in dem Wissen, dass es weder im Leben noch im Tod eine Entschädigung für das Leid gibt.

Das ist das Plädoyer des Buchs »Ist Gott noch zu retten?«.

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