Ist Gott noch zu retten?

Woran wir glauben können


Das neue Buch von Matthias Stiehler, Frühjahr 2016.




"Hör nicht einfach nur auf deine Gefühle
- sie können dich täuschen."

Eine Frau steht kurz vor ihrer Hochzeit. Es sind nur noch ein paar Wochen bis dahin. Da verliebt sie sich in einen anderen. "Ich habe das nicht gewollt. Bis ich den neuen Mann getroffen habe, war ich fest entschlossen, meinen Mann zu heiraten. Nun aber weiß ich nicht, was ich tun soll. Ich denke einerseits, dass es nicht richtig ist, meinen Mann zu verlassen. Wir sind ja schon eine Weile zusammen und haben uns jetzt sogar eine Eigentumswohnung gekauft. Wir sind also ziemlich verschuldet und auch schon so aneinander gebunden. Aber ich wollte die Hochzeit auch immer. Vielleicht nicht so sehr, wie mein Mann. Aber ich war nie dagegen. Doch andererseits bin ich in den neuen Mann ziemlich verliebt. Wir passen so wunderbar zusammen. Es ist so, als würde mir das Schicksal einen Wink geben. Wenn ich diesen Mann sehe, könnte ich sofort die Hochzeit absagen und mich auf die neue Beziehung einlassen. Ich frage mich, ob ich nicht etwas verschenke, wenn ich es nicht tue."

Als Berater frage ich mich, wie ich mit den beiden Männern sprechen würde:

Den Mann, der die Frau heiraten möchte, würde ich fragen, ob er sie wirklich und zu dem jetzigen Zeitpunkt heiraten möchte. Würde er sich wirklich auf dieses Wagnis einlassen. Kann er - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt - sicher sein, dass seine Frau, selbst wenn sie ihn jetzt heiratet, nicht immer dann, wenn es mal schwierig wird, der verpassten Chance nachtrauert? Bestimmt könnte er um die Frau kämpfen, wenn er sie nicht lassen möchte. Aber das müsste er tun, bevor sie heiraten.

Dem neuen Mann würde ich vermutlich dazu raten, die Kontakte zu der Frau abzubrechen. Denn es gibt einen deutlichen Grund, sich nicht auf sie einzulassen. Beziehungen fangen fast immer mit dem Verliebtsein an. Das ist aber noch nicht die wirkliche Beziehung. Diese beginnt erst dann, wenn das Verliebtsein verflogen ist und die Partner beginnen, sich realistisch wahrzunehmen und auf dieser Grundlage die Beziehung zu führen. Dann steht die Frage, ob man diese "Arbeit" auf sich nimmt oder doch lieber eigene Wege geht. Wenn sich jetzt aber die Frau wegen ihm trennt, dann stehen sie beide unter Erfolgsdruck. Darf es dann wirklich noch schiefgehen? Das ist wahrlich keine gute Voraussetzung für eine neue Partnerschaft.

Problematisch könnte für diese Beziehung aber auch sein, dass die Gründe des Verliebtseins höchstwahrscheinlich in der Ausgangssituation der Frau liegen. Was ist, wenn "das Schicksal" ihr nur deswegen einen neuen, "so tollen" Mann vorbeischickt, weil sie in der Tiefe Angst vor der Eheentscheidung hat? Es könnte sein, dass die bisherige Beziehung viel konflikthafter ist, als sie es sich bis dahin eingestanden hat. Ebenso könnte es sein, dass die Frau die drohende Verbindlichkeit und Nähe zu ihrem zukünftigen Ehemann fürchtet.

Ich glaube jedenfalls an kein "zufälliges Verliebtsein". Das ist kein Schicksal, sondern macht Sinn für das eigene Leben. Es geht bei solch einem Geschehen fast immer um die bestehende Beziehung. Die vermeintlich neue und so strahlend erscheinende ist meist nur ein Instrument der alten. Deshalb sollte die neue Beziehung s chnellstmöglich gelassen werden.

Ein sinnvoller Weg für die Frau kann nur sein, sich über ihre Situation Klarheit zu verschaffen: Will sie mit all ihren Ängsten und Befürchtungen heiraten - wissend, dass kein Mann ihr das ungetrübte Glück bringen wird? Oder scheut sie diesen Schritt - vielleicht, weil es dafür gute Gründe gibt? In jedem Fall aber sollte sie den neuen Mann nicht für diese Entscheidung missbrauchen. Das ist keine gute Grundlage für eine neue Partnerschaft.

Das mag nüchtern klingen, für manch einen zu nüchtern. "Die Gefühle sprechen doch eine andere Sprache.", wird dann oft gesagt. Aber im Fall unserer Sehnsüchte gilt: Sie können uns aufs Glatteis führen. Und Illusionen verderben das Leben. Sie gaukeln ein Glück vor, dass es nicht gibt und schaffen am Ende mehr Leid. Das gilt für die Partnerschaft ebenso wie für den Glauben. Es geht um eine Religion ohne Illusionen (so der Titel des 2. Teils des Buchs »Ist Gott noch zu retten?«).