Ist Gott noch zu retten?

Woran wir glauben können


Das neue Buch von Matthias Stiehler, Frühjahr 2016.




Die Entgeistlichung der Kirchen

Ich lese die hervorragende, weil sehr detaillierte und von Quellen gesättigte Biografie von Heinz Schilling "Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs". Wenn sich alle Welt in diesem Jahr mit dem historischen Luther befasst, so möchte auch ich verstehen, was ihn damals trieb und was uns das heute lehren kann.

Was mich beim Lesen anweht ist zweierlei. Da ist zum einen der große Glaubensmann. Mich fasziniert, wie ernst er seinen Glauben nahm. Es ist die nicht zu widerlegende Haltung: Wenn es einen Gott gibt, durch den wir leben, dann müsste diesem Gott doch bei allem Denken und Tun ein wichtiger Platz in unserem Leben und in unserer Welt eingeräumt werden. Diese Konsequenz, die in dem Luther in den Mund gelegten Wort "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen." in beispielhafter Weise zum Ausdruck kommt, zeigt Luthers Stärke und fasziniert mich. Als Mensch der heutigen Zeit kenne ich solch einen Glauben kaum noch und bedauere dies.

Aber es gibt eben auch die andere Seite: Damit meine ich das Scheitern genau dieses konsequenten Anspruchs, der Luther aus seinem Glauben erwächst. Luther glaubte an die überlegene Wahrheit des Christentums und es ging ihm darum, ein Werkzeug Gottes im endzeitlichen Ringen mit den Mächten des Bösen zu sein. Das war der Grundpfeiler seines Lebens und der Reformation!

Das führte in manchen Punkten und mit der Ernüchterung der späten Lebensjahre zunehmend zu einer Abkehr von der, letztlich sich eben anders darstellenden Realität der Welt, vor allem aber des göttlichen Wirkens. "Die Unfähigkeit, mit Andersdenkenden in einen Dialog einzutreten, und der ihm gelegentlich selbst zur Qual werdende Zwang, sie als Widersacher Gottes zu bekämpfen, waren die dunkle Kehrseite von Luthers prophetischer Selbstsicherheit." (Schilling S. 578)

Es ist gut, Luther als großen Mann seiner Zeit zu verstehen. Auch die Wirkungsgeschichte der Reformation - kirchlich wie gesellschaftlich - ist nicht zu überschätzen. Dennoch sind die für ihn so fundamentalen Glaubenssätze ein halbes Jahrtausend alt. Und so revolutionär sie für die damalige Zeit waren, so wenig können sie doch heute leitende Maßstäbe unseres Glaubens sein. Luther war schon damals mit seinen Glaubenserwartungen und seinem Anspruch gescheitert - wir wissen heute, dass er scheitern musste. Der Sieg Gottes, wie er ihn ersehnte, gab es nie und kann es so auch nicht geben. Damit wird aber der existenzielle Gehalt der reformatorischen Formel "Allein aus Gnade" (sola fide, sola gratia) obsolet.

Indem die lutherischen Kirchen (und nicht nur die) an der Formel "Allein aus Gnade" festhalten und sie zugleich - weil es in der heutigen Zeit gar nicht anders möglich ist - ihrer existenziellen, endzeitlichen Dimension entkleiden, leisten sie der massenhaften Abkehr vom christlichen Glauben Vorschub. Es ist eine Entgeistlichung der Kirchen, die wir feststellen müssen. Aber nicht, weil sie nicht mehr so wie Luther glauben, sondern weil sie glauben, sie könnten noch wie Luther glauben. Luther wäre ja der festen Überzeugung, dass da der Teufel seine Hand im Spiel hat.